Datenablage meint Datensicherung – aber zu welchem Zweck? (21.04.2017)

Intervisionäres – ePortfolio von Norman Mewes

 

 

Meine Praxis der Datenablage

Ich habe einen Traum: Während ich im Heim-Office Daten scanne, herunterlade und selber produziere, fliegen die Elemente dieses Datenstroms magisch angezogen auf das Einflugloch der hinter mir stehenden Datenablage – die mal in Gestalt eines Vogelhäuschens, mal als Kuckucksuhr daherkommt – zu, um sich darin wohl verschlagwortet und in Bänke sortiert abzulagern. Und ich, zunächst hoch zufrieden, verzweifle immer mehr angesichts der Unergründlichkeit des Speichers, als ich ihn endlich betrete. Trotz permanent gesteigerter Anstrengungen, die doch jedenfalls vorhandene Systematik zu durchschauen und Benötigtes zu finden, verirre ich mich in den Regalreihen der Ablage.
Wohl nicht von ungefähr weist dieser Office-Albtraum Parallelen zu der Erfahrung auf, bei der Übernahme einer Funktionsstelle das nachgelassene Datenpaket des Vorgängers zu sichten. Faustens nächtlicher Erkenntnis eingedenk mache ich mir daher zum Motto: "Was du an Daten bloß gespeichert hast, erwirb es, um es zu besitzen. Was man nicht nützt, ist eine schwere Last..."

Ich schreibe diesen Blogeintrag für die Beitragsparade der Bildungspunks zum Thema Datenablage – verzögert durch Urlaub/Ferien und nach dem meist erbaulichen Lesen der eingereichten Beiträge – mit einem leicht verschobenen Fokus, nämlich nicht bloß zur Darstellung gegenwärtiger Praxis, sondern auch ihrer Gewordenheit. Anfangs meinte ich, das Thema hätte sich nach zwei Absätzen erschöpft. Daten sollen sicher abgelegt werden, Punkt. Beim Erinnern an frühere Praktiken des Datenablegens wurde mir bewusst, das zum Begriff Datensicherheit zu Zeiten ganz verschiedene Intentionen zentral waren.

1. Daten zum sicheren (= dauerhaften) Aufbewahren ablegen

Ja, ich bin ein Daten-Nomade, ein Wanderer zwischen Welten, so bin ich sozialisiert. Schon seit dem Tag, an dem ich nach Festplattencrash meines PowerBook 140 durch eine einzige Displayzeile unbarmherzig auf eine Lücke in meiner Datensicherungsstrategie per Floppy-Disk gestoßen wurde, habe ich Vorbehalte gegen diesbezügliche Hardwarelösungen: "Disk unformatted" hieß es da, weil mit Software aus Redmond betriebene Rechner mit Speichermedien im Apple-Format seit damals und (ohne Zusatzsoftware) bis heute nichts anfangen können. Auf einen anderen Apple war damals im Umkreis von gefühlten Lichtjahren kein Zugriff möglich...
Beim Umstieg auf CD als Speichermedium wiederholte sich das Drama. Apple ließ Sicherungen zu, die in Windows nicht lesbar waren. Es ließen sich aber auch von beiden Systemen lesbare CDs herstellen. Später kamen diverse DVD(-RAM, ganz zu schweigen von exotischen Speichermedien wie ZIP, siehe Foto rechts) hinzu, die zur langfristigen Speicherung oder gar zum Austausch von Daten umständlich waren. Mit der Einführung mobiler USB-Laufwerke wurde FAT32 zum Standardformat, auch Apple-Rechner können es lesen und schreiben. Das Format ist allerdings zur Aufbewahrung von Daten kaum geeignet. Ich experimentierte stattdessen mit Apple- und Linux-Formaten – Linux als Open Source Software ist mir grundsätzlich sympathisch, auch wenn Apple als Produktionsumgebung häufig komfortabler und Windows im Schulbereich ja beinahe Monopolist ist –, ließ Emulationen von Macs auf Windows laufen und umgekehrt, letztlich immer mit einem Ergebnis: Datenspeicherung auf eigener Hardware ist vom Betriebssystem unabhängig auf sichere Weise erst möglich, seit dem es (für mich) erschwingliche NAS gibt, also etwa seit fünf Jahren. Allerdings ist ein NAS ein eigener Rechner (meistens Linux), der für die Aufgabe, alle angereichten Daten, egal von welchem Betriebssystem/Dateiformat, anzunehmen und im eigenen Format abzuspeichern, auch eigenen Strom frisst (besonders wenn sich so ein Billigheimer sein NAS aus einem ausgedienten PC selbst zusammenbastelt – Energieverbrauch wie ein Hochofen und auch so warm). Inzwischen hab ich auch ein NAS, aber mehr um mich nicht ständig rechtfertigen zu müssen, warum ich keines habe. Gelegentlich müll ich da mal was drauf – voll werden die 2 TB eh nie, auch weil ich unregelmäßig Unbenötigtes und Veraltetes wieder lösche. Am Router läuft auch noch eine Festplatte mit. Ich glaub, darauf sind vor allem noch von VHS digitalisierte Filme aus dem Bildungsfernsehen...

2. Daten für den sicheren (= ortsunabhängigen) Zugriff ablegen

Dem Heimnetzwerk durch Perforation oder "Tunneln" einen NAS-Zugang von außen einzurichten, widerspricht m.E. obigen Vorstellungen von Datensicherheit. USB-Sticks oder sonstige mobile USB-Laufwerke sind wiederum zu oft genau dann nicht greifbar, wenn sie gebraucht werden, oder es sind so viele vorhanden, dass das richtige zu finden zu lange dauert. Die Aufbewahrung ist damit wenig effizient. Eine der größten Errungenschaften der Digitalisierung ist daher für mich die Cloud. In der Theorie ist das ein Speicher, den ich immer "dabei" habe, und zwar – bei geschickter Wahl – unabhängig von dem System, auf dem ich arbeite. Die Tücke lauert jedoch im Detail, denn weder war die Wolke anfangs tatsächlich von überall zuverlässig anzapfbar, noch war Verlass darauf, die von dort geladenen Daten an jedem beliebigen Ort weiterverarbeiten zu können, so lange nicht entsprechende Services gleich mit angeboten wurden. Da half auch die mitgebrachte eigene Hardware häufig nichts, sofern Netzwerkzugang erforderlich war, denn nichts funktioniert in der IT deutscher Bildungseinrichtungen seit etwa 25 Jahren so frei von Ausnahmen wie das Aussperren fremder Rechner aus dem jeweiligen lokalen Netz. Trotz oben genannter Gründe gegen USB-Sticks nutzte ich nach der Verbreitung der USB2.0-Schnittstelle zeitweise die sogenannte digitale Schultasche als hinnehmbaren Kompromiss beim Zugriff auf Daten in fremden Netzwerken: Digitale Schultaschen sind mit allerlei portablen Programmen und günstigstenfalls den dazugehörigen Daten vorbereitete USB-Laufwerke, die ohne administrative Berechtigung an einem Rechner mit geeignetem Betriebssystem (meistens Windows) zum Laufen gebracht werden können, weil keinerlei Installation stattfinden muss. Mit solchen Laufwerken konnte ich zum ersten Mal einen Moodle-Server ins Schulnetz bringen, ein anderes Mal war es der Server für "ecopolicy", der in einem Netzwerk nicht nur die Daten für das vor allem in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts relativ bekannte Spiel zur Förderung vernetzten Denkens (Begriff und Spiel gehen zurück auf Frederick Vester, es gab einen Wettbewerb der Schulen, die "ecopolicyade") bereit stellte und die Spielstände der Schüler*innenteams (1:1-Ausstattung mit PCs war ebenso unüblich wie für das Spiel unerwünscht) registrierte. Noch heute ist meine Lieblings-App zum Datenzugriff eine portable Version, doch dazu gleich. Allerdings waren Speicherkapazität und Datenübertragung von USB lange Zeit so begrenzt, dass ich zur Vorbereitung vorsichtshalber Bandbreite fordernde Datenpakete, z.B. Filme, auf die Rechner übertrug, vor dem Unterricht oder währenddessen, was unkomfortabel und störungsanfällig war.
Jüngst wurde ich von einer Dienststelle gewissermaßen zur Begrüßung außer mit einer Fernbedienung zum Präsentieren auch mit einem USB-Stick ausgestattet, der sogar verschlüsselt werden kann – mittels doppelt belegter Fünfertastatur außen am Stick (s. Foto rechts oben). Das empfand ich als ebenso nett gemeint wie kurios.

3. Daten sicher (= geschützt vor fremdem Zugriff) ablegen

Die wachsende Brauchbarkeit der Cloud dazu, Unterrichtsmaterial so zur Verfügung zu stellen, dass Schüler*innen diese auch von außerhalb der Schule nutzen und ihrerseits Arbeitsergebnisse hochladen können, ist meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung für Kollaboration. Damit dies kostenfrei geschehen konnte, habe ich Konten eröffnet, diese durch vermeintliche Anwerbung von Schüler*innen erweitert und klassen- oder jahrgangsweise als gemeinsame Dateiablage zur Verfügung gestellt. Das ePortfolio-System Mahara, mit dem ich seit einigen Jahren arbeite, bietet in den Grundeinstellungen für die Benutzer nämlich absichtlich kaum Speicherplatz, sodass die Einbindung von Cloudspace unabdingbar ist. Gegenwärtig führt daher zum einen meine eigene Organisation von Daten dazu, dass ich heute nicht mit einer Wolke arbeite, sondern mit vielen Wölkchen, je nach dem, mit wem ich kollaboriere. Zum anderen ist es durch die zunehmende Sensibilisierung für den Schutz personenbezogener Daten im Netz und der damit verbundenen Differenzierung des Cloud-Angebots dazu gekommen, dass auf Schul- oder Schulaufsichtsebene praktisch jede Institution ihre eigene Wolke selbst betreibt oder hosten lässt.
Diese verschiedenen Wölkchen zu koordinieren, ist nicht eben trivial. Einerseits sollen die Vorzüge einzelner Anbieter zum Tragen kommen – ich möchte z.B. auf Google Drive mit seiner Office-SaaS nicht umstandslos verzichten –, andererseits die Bestimmungen der Kultusverwaltung eingehalten werden, die nach meiner Kenntnis hauptsächlich darin bestehen, Cloudspace auf Servern mit Datenabfluss nach außerhalb der EU nicht zu nutzen und die abgelegten Dateien geeignet zu verschlüsseln, sofern sie personenbezogenene Daten enthalten (vgl. dazu etwa 5. Cloud Computing aus den FAQ Datenschutz an Schulen von Baden-Württemberg). Damit sind insbesondere US-amerikanische Anwendungen, d.i. neben oben schon Genannten auch etwa Evernote, eigentlich ausgeschlossen – wenn die Umsetzung des Datenschutzes nach EU-Grundverordnung ernst genommen und nicht durch Folgeabkommen wie TiSA durchlöchert wird.
Erfreulicherweise bieten einige regelungskonforme Apps zur Verwaltung von Clouds in letzter Zeit verstärkt die Möglichkeit, externen Cloudspace einzubinden und mit zu verwalten. Besonders in Verbindung mit der Möglichkeit zur Verschlüsselung ist dies für mich die den Erfordernissen meiner Arbeitsweise und dem Stand der Technik gemäße Art der Datenablage. Drei Apps kommen derzeit in meine engere Wahl:

Mein elementaryOS-Desktop mit portable BoxcryptorLinux-Desktop mit portable Boxcryptor

Die Nase vorn hat für mich Boxcryptor, das für viele Betriebssysteme, in einer portablen Version sogar für Linux erhältlich ist und in dieser Version den Zugang zu allen Clouds und – sofern ich im jeweiligen Netzwerk angemeldet bin – lokalen Laufwerken und NAS erlaubt. Dabei lässt sich die Verschlüsselung bis auf Dateiebene differenzieren. Das Angebot ist mit z.Z. 36 Euro pro Jahr auch das günstigste. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Crosscloud. Drittens ist Teamdrive ein Anbieter für verschlüsselten Cloudspace mit Prädikat, in dessen App sich auch externe Clouds einbinden lassen. Alle drei Dienste bieten privaten Anwendern Testversionen an.
Wer zur Datenablage ein eigenes, datenbankgestütztes System verwenden möchte, z.B. um eine (als OSS kostenfreie) ownCloud oder Nextcloud zu betreiben, mag als Ubernaut zufrieden werden. Ich hatte bei uberspace sowohl eine ownCloud als auch Moodle und Mahara SSO-gekoppelt installiert, hab den Account aus Zeitgründen aber wieder aufgegeben.

Fazit

Insgesamt erkenne ich nach der jetzt doch recht ausführlichen Beschäftigung mit meiner Datenablage-Biografie im gegenwärtigen Zustand eine gewachsene Struktur, die auf dem Wandel der bei ihrer Entstehung für mich bedeutsamen Bedingungen und Ansprüchen beruht. Und in Zukunft? Im Zuge von OER stelle ich mir einen Trend zu geteilten Clouds als Arbeitsplattformen vor, die selbstverständlich nicht von irgendeinem Monopolisten abhängig sind, sondern auf Open Source Software beruhen und professionell administriert werden. Auf denen wird zumindest der zur Unterrichtsvorbereitung und Administration nötige, von Personenbezug freie Teil von mir produzierter Daten bereitstehen. Datensicherheit verstünde sich damit vor allem als Einspeisung zur Weiterverwendbarkeit in den Lerncommunities, deren Teil ich bin. Alles, was dort nicht eingestellt und somit gesichert ist, taugt dann vermutlich so wenig, dass die Aufbewahrung kaum lohnt. Was ich darüber hinaus noch außerhalb der Schule ablegen wollte, hätte dann den Status von Reminiszenzen privaten Charakters, die gut verschlüsselt und bewahrt würden. Damit entfiele auch ein nennenswerter persönlicher Datennachlass und den mir Nachfolgenden blieben diesbezügliche Alpträume erspart.

Kommentare

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Sigi Jakob
25. Mai 2017, 12:53
Lieber Norman, jetzt endlcih komme ich dazu, deinen sehr unterhaltsam geschriebenen Artikel zu der Datenodysse zu lesen und finde ich mich da fast 1:1 wieder, wenn ich an die vielen Flppys denke, die ich für meine Schüler im Schrank aufbewahren musste... ohne Moodle und Mahara, von Evernote und Dropbox hat damals noch nicht mal jemand geträumt .... Ja, zum Glück gibt es jetzt all diese Möglichkeiten externe Datenspeicherung mit Mahara zu verbinden , sodass der Mahara Space im Rahmen bleiben kann. Dein Schreibstil gefällt mir ausserordentlcih gut, musste ständig schmunzeln, besonders über dein Einstiegsgeschenk, den verschlüsselbaren USB Stick, haha, man dachte wohl, das sei latest state of art ;-) . Heb ihn auf, in 5 Jahren ist das eine Kuriosität! Bis dann bei der MoodleMaharaMoot Mannheim.
1 Kommentar

    Belastend: Wölkchen-Parade in der Menüleiste
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    Speichermedien

    Aus dem Fundus meiner Speichermedien
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    Links

    • Material und Info des Kultusministeriums BW zu Datenschutz an Schulen
    • Digitale Schultaschen werden nach wie vor gepflegt, hier eine Übersicht im ZUM-wiki.

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